Ökologie aller Kulturen
Die natürliche Ordnung, ihr erkannter Sinn und ihre Verwandlung in menschliche Kultur
Bei den ganz verschiedenen Begriffen, Riten, Lehren, Kult-Konzepten der Weltreligionen, erscheinen nur die Unterschiede der Weltreligionen. Daher betonen nicht nur Theologen, die auf nationale Größen, Lehren bestehen, sondern können auch aufgeklärte Denker in der kosmischen Ordnung, die wir nun als Ökologie, wie Evolution beschreiben, wie deren Sinn, nicht die Grundlage der Weltreligionen bedenken. Auch KI betonte anfänglich nur die Unterschiede, schwenkte dann im Rahmen der Diskussion und wissenschaftlicher Quellenforschung, sowie kulturgeschichtlicher Betrachtung um.
Sehr gern. Dann formuliere ich es als eigenständige kulturwissenschaftliche Arbeit, nicht als redaktionellen Hinweis an Sie. Die Darstellung soll also selbst die These entwickeln und begründen.
1. Am Anfang steht die Lebensordnung, in der der Mensch bereits lebt
Noch bevor Menschen ihre Welt in ausgearbeiteten Religionen, Philosophien und staatlichen Ordnungen deuteten, waren sie in eine natürliche Ordnung eingebunden.
Jäger und Sammler lebten unmittelbar von dem, was ihre Umwelt hervorbrachte. Sie mussten die Bewegungen der Tiere, das Wachstum der Pflanzen, Wasserstellen, Jahreszeiten, Wetter, Sonne, Mond und Sterne kennen. Ihr Überleben hing davon ab, die Zusammenhänge ihrer Lebenswelt richtig zu beobachten und sich ihnen anzupassen.
Die Natur war deshalb nicht einfach eine Umgebung des Menschen.
Sie war seine Lebensgrundlage und seine Lehrmeisterin.
Was später als Religion, Mythos oder Weisheit formuliert wurde, hat hier eine seiner ältesten Voraussetzungen: die Erfahrung, dass der Mensch einer Wirklichkeit gegenübersteht, die er nicht selbst geschaffen hat und von deren Ordnung sein Leben abhängt.
Mit der Entwicklung von Ackerbau, Sesshaftigkeit und Städten wurde diese Abhängigkeit nicht geringer. Sie wurde komplizierter. Der Mensch musste nun zusätzlich den richtigen Zeitpunkt für Aussaat und Ernte kennen, Wasserläufe regulieren, Vorräte anlegen und gesellschaftliche Beziehungen ordnen.
Dafür musste er die Vorgänge der Natur immer genauer beobachten.
2. Die Beobachtung des Himmels
Eine der bedeutendsten Leistungen früher Kulturen war deshalb die genaue Beobachtung des Himmels.
Sonne und Mond, Sterne und Planeten, Tag und Nacht, die Wiederkehr der Jahreszeiten und die großen Zyklen des Jahres wurden beobachtet, aufgezeichnet und teilweise berechnet.
Der Himmel war dabei nicht nur ein physikalisches Geschehen über den Menschen.
Er erschien als sichtbarer Ausdruck einer größeren Ordnung.
Die Regelmäßigkeit des Kosmos ließ die Menschen fragen:
Warum geschieht dies so regelmäßig – und was bedeutet diese Ordnung für unser Leben?
Aus dieser Frage entstanden Kalender, astronomische Berechnungen, Rituale, Mythen und religiöse Vorstellungen. Was uns heute als natürlich erklärbarer Vorgang erscheint, wurde damals auf unterschiedliche Weise als sinnvolle Weltordnung verstanden.
Damit entsteht die für die Kulturgeschichte entscheidende Unterscheidung:
Die Ordnung selbst ist noch nicht ihr Sinn.
Wenn die Sonne aufgeht, die Jahreszeiten wechseln und Pflanzen wachsen, ist damit noch nicht beantwortet, wozu der Mensch diese Ordnung erkennen und wie er deshalb leben soll.
Die alten Kulturen suchten deshalb nicht nur nach dem Wie der Welt, sondern nach ihrem Sinn.
3. Von der natürlichen Ordnung zum Sinn des Lebens
Gerade darin liegt die eigentliche Bedeutung der alten Weisheitskulturen.
Sie fragten nicht nur:
Wie ist die Welt geordnet?
Sie fragten:
Wie muss der Mensch leben, wenn diese Ordnung sinnvoll ist?
Die erkannte Ordnung wurde deshalb zur Grundlage menschlicher Kultur.
Leben sollte erhalten werden.
Gesundheit sollte gefördert werden.
Die Gemeinschaft sollte gelingen.
Konflikte sollten begrenzt werden.
Das Gemeinsame sollte nicht durch maßlose Einzelinteressen zerstört werden.
Frieden sollte möglich werden.
Und das Leben sollte auch für kommende Generationen erhalten bleiben.
Was wir heute zunehmend mit Begriffen wie Ökologie, Nachhaltigkeit, Gesundheit, soziale Verantwortung und Zukunftsfähigkeit beschreiben, hatte in den alten Kulturen noch ganz andere sprachliche und religiöse Formen.
Die Begriffe waren verschieden.
Die Grundfrage war jedoch vergleichbar:
Wie muss menschliches Leben beschaffen sein, damit es mit der Ordnung des Lebens übereinstimmt und dadurch gelingen kann?
4. Ordnung und Sinn gehören zusammen
Damit wird auch verständlich, warum eine rein äußerliche Gesetzesordnung den alten Weisheitsgedanken nicht vollständig erfassen kann.
Ein Gesetz, das lediglich befiehlt:
„Du sollst es so tun!“
erklärt noch nicht, warum dieses Tun sinnvoll ist.
Die tiefere Weisheit fragt deshalb:
Welchem Sinn dient die Ordnung?
Erst dadurch wird aus Gesetz Weisheit.
Und aus Weisheit kann eine Lebenshaltung werden.
Das zeigt sich beispielsweise am Sabbat.
Das Sabbatgebot ist nicht sinnvoll, weil eine Zahl oder ein Wochentag an sich heilig wäre. Seine Bedeutung entsteht aus dem Sinn einer Ordnung, in der Arbeit, Ruhe, Mensch, Tier, Erde und Gemeinschaft einen Zusammenhang bilden.
Die Ordnung dient dem Leben.
Der Mensch soll deshalb nicht nur eine Vorschrift einhalten.
Er soll den Sinn erkennen, den die Vorschrift verwirklichen soll.
Damit wird verständlich, warum nicht nur die Ordnung selbst, sondern auch ihr Sinn zu lieben ist.
Nicht nur der „Sohn“, die erkannte Ordnung, ist zu lieben, sondern auch der Sinn, der in dieser Ordnung erkannt wird – denn dieser Sinn ist zugleich der Sinn des eigenen Lebens.
5. Verschiedene Namen für die eine erkannte Ordnung
Die Menschheit entwickelte dafür sehr unterschiedliche Begriffe.
| Kultur | Begriff für die erkannte Ordnung | Bezeichnung / Vorstellung ihres Sinnes | Umsetzung in menschlicher Kultur |
|---|---|---|---|
| Jäger- und Sammlerkulturen | natürliche Lebensordnung | Tiere, Erde, Himmel, Ahnen, Lebenskräfte | unmittelbare Anpassung, Ritual, Achtung vor der Lebenswelt |
| Ägypten | Ma'at | Wahrheit, Gerechtigkeit, richtiges Maß und kosmische Ordnung | gerechte Lebensführung und Erhaltung der Weltordnung |
| Altes Iran | Aša | Wahrheit, gute Ordnung und Gegensatz zur Lüge | Wahrhaftigkeit und gutes Handeln |
| Vedische Kulturen | Ṛta | geordneter Lauf von Kosmos und Leben | kultische und ethische Ausrichtung auf die kosmische Ordnung |
| Hinduistische Traditionen | Dharma | das Tragende, Erhaltende und Ordnende | rechte Lebensführung und Erfüllung der Lebenspflicht |
| Buddhismus | Dharma / Dhamma | Wirklichkeit, Gesetzmäßigkeit und wahrer Weg | Erkenntnis der Wirklichkeit und entsprechendes Handeln |
| China | Dao / Tian Dao | Weg und Ordnung von Himmel, Erde und Leben | Leben im Einklang mit dem natürlichen Weg |
| Griechenland | Kosmos / Physis / Logos | vernünftig geordnete Wirklichkeit | Leben nach Erkenntnis und Vernunft |
| Hebräische Kultur | JHWH / Weisheit / Torah | Sinn und Ordnung allen Seins | gerechtes Leben unter einer übergeordneten Weisheit |
| Hellenistisches Judentum | Weisheit / Logos | universale vernünftige Weltordnung | Verbindung von Weisheit, Vernunft und menschlicher Lebensführung |
| Christliche Weisheitstradition | Christus / Logos / Weisheit / Heil | universale Weisheit und Heil | Weisheit soll im Menschen wirksam und bestimmend werden |
Diese Begriffe sind nicht einfach identisch.
Dharma ist nicht JHWH.
Dao ist nicht Logos.
Ma'at ist nicht Torah.
Und die verschiedenen Religionen dürfen nicht nachträglich zu einer einzigen Religion vereinheitlicht werden.
Aber die Verschiedenheit der Begriffe darf umgekehrt auch nicht verhindern, die gemeinsame kulturgeschichtliche Frage zu erkennen:
Wie wird die als sinnvoll erkannte Ordnung des Kosmos zur Ordnung menschlichen Lebens?
6. Der Sinn erhält unterschiedliche Namen
Die Ordnung der Welt wurde nicht überall gleich verstanden.
Auch der Sinn dieser Ordnung erhielt unterschiedliche Namen und Bilder.
| Kulturraum | Sinngebender Begriff / Bild | Bedeutung |
|---|---|---|
| Ägypten | Ma'at | Wahrheit, Gerechtigkeit und rechtes Maß |
| Iran | Ahura Mazda / Aša | Weisheit, Wahrheit und gute Ordnung |
| Indien | Dharma | das, was die Ordnung trägt und erhält |
| Buddhismus | Dharma/Dhamma | wahre Wirklichkeit und der Weg, entsprechend ihr zu leben |
| China | Tian / Tian Dao | Himmel und himmlische bzw. natürliche Ordnung |
| Griechenland | Logos | vernünftiger Sinn und Zusammenhang der Welt |
| Hebräer | JHWH | der Sinn und Grund des Seins, aus dem Weisheit und Torah ihre Autorität erhalten |
| Hellenistisches Judentum | Logos / Sophia | vernünftige, schöpferische Weisheit |
| Christliche Tradition | Gott / Logos / Christus | die Weisheit und das Heil als universale Wirklichkeit |
Gerade hier wird sichtbar, warum die spätere Religionsgeschichte so schwer zu verstehen ist.
Der gleiche kulturgeschichtliche Grundgedanke kann unter völlig verschiedenen Namen und Bildern auftreten.
Was für den einen Kulturkreis Himmel ist, wird für einen anderen Dao, Dharma, Logos, Weisheit oder JHWH.
Die Aufgabe einer kulturwissenschaftlichen Aufklärung besteht deshalb nicht darin, diese Namen einfach gleichzusetzen.
Sie muss vielmehr fragen:
Welche Wirklichkeit wurde mit dem jeweiligen Namen bezeichnet?
7. Sohn und Stimme des Himmels
Damit kommen wir zu einer weiteren Gemeinsamkeit.
Die erkannte Ordnung blieb in vielen Kulturen nicht abstrakt.
Sie wurde hörbar und sichtbar gemacht.
Die Weisheit wurde zur Stimme.
Der Himmel wurde zum Ursprung der Ordnung.
Die Ordnung erhielt eine Gestalt, durch die sie den Menschen erreichen konnte.
In diesem kulturgeschichtlichen Sinn kann man von der „Stimme des Himmels“ sprechen.
Die Weisheit spricht zum Menschen, weil sie ihm erklärt, wie er leben soll.
Und man kann vom „Sohn des Himmels“ sprechen, wenn eine kulturelle Gestalt die höhere Ordnung gegenüber den Menschen vermittelt.
Dabei ist sorgfältig zwischen den Kulturen zu unterscheiden. „Sohn des Himmels“ ist beispielsweise im alten China eine konkrete Herrscherbezeichnung. Es handelt sich nicht einfach um eine gemeinsame religiöse Formel von Hinduismus, Buddhismus, China und Hebräertum.
Die kulturgeschichtliche Gemeinsamkeit liegt tiefer:
Eine höhere Ordnung soll für den Menschen gegenwärtig und wirksam werden.
8. Der Sohn ist nicht eine zweite Ordnung
Für die hebräisch-christliche Entwicklung wird diese Frage besonders wichtig.
Wenn von einem Gottessohn oder Davidsohn gesprochen wird, muss zunächst gefragt werden:
Was soll dieser Sohn gegenüber dem Vater verkörpern?
Wenn der „Vater“ für den Ursprung und Sinn der Ordnung steht, kann der „Sohn“ als deren wirksame, für Menschen erkennbare und lebendige Gestalt verstanden werden.
Dann wäre der Sohn nicht ein zweiter Gott.
Er wäre die gegenwärtige Weisheit des einen Gottes.
Und genau hier verbindet sich der Sohn mit der Torah.
Denn die Torah soll nicht nur ein äußeres Gesetz sein.
Sie soll die Weisheit sein, nach der der Mensch und auch der Herrscher leben.
9. Von der Krone des Herrschers zur Krone des Menschen
Die alte Welt setzte die Ordnung häufig mit Herrschaft in Beziehung.
Der Herrscher trug die Zeichen seiner göttlichen oder himmlischen Legitimation.
Die Sonne wurde zum Symbol königlicher Macht.
Die Krone machte sichtbar, wer herrschen sollte.
Die hebräische Entwicklung konnte diese Symbolik jedoch in eine andere Richtung führen:
Nicht der Herrscher selbst ist die höchste Ordnung. Er muss unter der Weisheit stehen.
Damit verändert sich auch die Bedeutung der Krone.
Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur:
Wer trägt die Krone?
Sondern:
Was muss der Mensch auf seinem Haupt tragen, damit er richtig herrschen kann?
Die Antwort der Weisheit wäre:
die Torah – die erkannte Weisheit und Ordnung des Lebens.
So kann die Krone zum Symbol einer inneren Herrschaft werden.
Der Mensch soll zunächst über sich selbst herrschen können.
Er soll seine eigenen Bedürfnisse, Begierden und Machtansprüche an einer höheren Ordnung messen.
Erst ein solcher Mensch kann frei mit anderen Menschen zusammenleben.
10. Die hebräische Besonderheit
Hier liegt deshalb die besondere kulturgeschichtliche Bedeutung der hebräischen Entwicklung.
Nicht die kosmische Ordnung als solche ist ihre Erfindung.
Die Besonderheit liegt in ihrer Verbindung von höherer Ordnung, Weisheit, Torah, persönlicher Verantwortung und Begrenzung menschlicher Herrschaft.
Der König steht unter der Torah.
Der Mensch steht unter JHWH.
Die politische Macht kann deshalb nicht selbst die letzte Wahrheit bestimmen.
Die Weisheit steht über dem Herrscher.
Damit entsteht ein Kulturprinzip von außerordentlicher Tragweite:
Keine menschliche Herrschaft darf sich selbst zum höchsten Maßstab machen.
Dieses Prinzip konnte auch unter fremden Herrschern seine Bedeutung behalten.
Ob persischer, hellenistischer oder römischer Herrschaft – die kulturelle Identität konnte sich auf eine Ordnung berufen, die älter und höher war als die jeweils herrschende politische Macht.
11. Von der hebräischen Weisheit zur hellenistischen Philosophie
In der hellenistischen Welt konnte dieses Konzept eine neue, universale Sprache finden.
Jüdische Denker wie Philo von Alexandria verbanden die Weisheitstraditionen Israels mit griechischer Philosophie.
Die Frage nach der Ordnung der Welt wurde dadurch mit der Frage nach Logos, Vernunft und universaler Weisheit verbunden.
Aus der Weisheit Israels konnte eine philosophisch verständliche Vorstellung einer Ordnung werden, die nicht nur für ein Volk, sondern für die gesamte Menschheit Bedeutung besitzt.
Das ist der Schritt, der für die Zukunft entscheidend werden kann:
Eine ursprünglich kulturell gebundene Weisheit wird universal denkbar.
Und in der christlichen Tradition wird daraus die Vorstellung von Logos, Weisheit, Christus und Heil.
Die Weisheit soll nicht mehr nur Israel ordnen.
Sie soll allen Menschen zugänglich werden.
12. Von der kosmischen Ordnung zur Ökologie des Menschen
Heute stehen wir vor einer Situation, in der die Menschheit die alte Frage unter völlig neuen Bedingungen stellen kann.
Wir wissen inzwischen, dass kein Mensch und kein Volk unabhängig von den Lebensgrundlagen der Erde existiert.
Die Atmosphäre verbindet uns.
Die Meere verbinden uns.
Nahrungs- und Wassersysteme verbinden uns.
Krankheiten können Grenzen überschreiten.
Wirtschaft und Kommunikation verbinden Kontinente.
Und die Zerstörung eines Lebensraumes kann Folgen weit über seinen ursprünglichen Ort hinaus haben.
Die moderne Ökologie macht damit wissenschaftlich sichtbar, was alte Kulturen in ihren jeweiligen Weltbildern bereits als Zusammenhang des Lebens erfahren hatten.
Der Unterschied ist entscheidend:
Heute können wir diese Zusammenhänge wissenschaftlich überprüfen.
Damit muss die alte Weisheit nicht einfach wiederholt werden.
Sie kann neu verstanden werden.
13. Eine Zukunft der Weisheit
Vielleicht liegt hier die eigentliche Zukunftsaufgabe der Kultur.
Die Menschheit braucht nicht notwendig immer größere Macht über Menschen.
Sie braucht Menschen, die immer besser verstehen, wie ihr eigenes Leben mit dem Leben aller anderen zusammenhängt.
Die Aufgabe wäre dann:
Erkenntnis → Weisheit → Gesinnung → Verantwortung → gemeinsames Handeln.
Eine solche Kultur müsste nicht durch einen Weltherrscher zusammengehalten werden.
Sie könnte auf Menschen bauen, die den Sinn ihrer gemeinsamen Lebensgrundlage verstehen.
Damit würde sich ein uralter Gedanke in einer neuen Form verwirklichen:
Die natürliche Ordnung wird zur menschlichen Lebensordnung.
Und ihr Sinn wird zur eigenen Motivation des Menschen.
14. Der vergessene Gott
In diesem Zusammenhang erhält auch die Rede von Gott eine neue Bedeutung.
Wenn Gott nur als ein übernatürlicher Handwerker vorgestellt wird, der irgendwann die Welt hergestellt hat, dann kann die moderne Naturwissenschaft diesen Gott scheinbar überflüssig machen.
Doch vielleicht wurde damit der eigentliche kulturgeschichtliche Inhalt des Gottesbegriffs verfehlt.
Wenn Gott vielmehr der Name für den Sinn der Ordnung, der Gesetze und allen Seins war, dann verschwindet dieser Sinn nicht dadurch, dass wir die natürlichen Vorgänge besser erklären.
Im Gegenteil:
Je genauer wir die Zusammenhänge des Lebens erkennen, desto dringlicher wird die Frage:
Was bedeutet diese erkannte Ordnung für unser eigenes Leben?
Deshalb soll der Gott der alten Weisheit nicht als ein totgesagter himmlischer Handwerker oder Aufpasser im Abseits bleiben.
Er kann vielmehr als die alte Bezeichnung für eine Wirklichkeit neu befragt werden:
den Sinn, der in der Ordnung allen Lebens erkannt wurde und der den Menschen dazu aufruft, entsprechend dieser Ordnung zu leben.
Dann wäre die Aufgabe der Aufklärung nicht die bloße Beseitigung Gottes.
Sie bestünde darin, den Sinn wiederzufinden, den Menschen mit Gott bezeichnet haben.
15. Ökologie aller Kulturen – ein gemeinsamer Zukunftsgedanke
So betrachtet erscheinen die Kulturen der Menschheit nicht nur als voneinander getrennte Religionssysteme.
Hinter ihren verschiedenen Begriffen lässt sich eine gemeinsame Entwicklung untersuchen:
Der Mensch erkennt eine ihm vorausliegende Ordnung.
Er sucht ihren Sinn.
Er verehrt diesen Sinn.
Er entwickelt Regeln für das eigene Leben.
Er verwandelt die erkannte Ordnung in Kultur.
Und schließlich entsteht die Frage, ob diese Ordnung nicht im Menschen selbst zur Weisheit werden kann.
Die Namen sind verschieden:
Ma'at – Aša – Ṛta – Dharma – Dhamma – Dao – Tian – Logos – Weisheit – Torah – JHWH – Christus.
Die kulturellen Konzepte sind verschieden.
Doch die Grundfrage verbindet sie:
Wie wird die Ordnung, in der wir leben, zur Ordnung, nach der wir leben?
Die heutige Wissenschaft kann diese Frage nicht durch Religion ersetzen.
Aber sie kann der Menschheit eine bisher unbekannte Grundlage geben, sie neu zu beantworten.
Denn heute wissen wir:
Wir sind selbst Teil der Ordnung, die wir erkennen.
Damit wird aus der alten Weisheitsfrage eine Zukunftsfrage:
Kann die Menschheit ihre Erkenntnis der natürlichen Ordnung so verinnerlichen, dass Weisheit zur eigenen Krone des Menschen wird?
Das wäre der Weg von der Ökologie der Natur zur Ökologie des Menschen – und von dort zu einer Kultur des Ökozäns.