Paulus: Paradigmenwandel im philosophisch-hellenistischen Judentum

So wenig es bei der in Josua/Jesus lebendigen Vernunftbestimmung um einen Wanderprediger ging, kann Paulus der Verfolger von Anhängern dieses Heilspredigers als Weltmissionar im Heidentum gewesen sein.

Auch wenn sich Simon Magnus, Valentiner, Marcioniten oder andere im hellenistischen Judentum erwachsene frühchristlichen Denker, von denen bekanntlich auch die anfängliche christliche Mission ausging, als  Verfasser der dann von neuplatonischen Vordenkern der Kirche weiterbearbeiteten  Briefliteratur im Namen Paulus erkennen lassen. Hinter der vom Verfasser des Lukasevangeliums in einer Apostelgeschichte ausgemalten Gestalt und ihrer Mission steht eine heute bekannte geschichtliche Realität, die sich in der Person (Rolle/Aufgabe) Paulus ausdrückt: Der geschichtlich offensichtliche Geisteswandel, der hebräische Prophetie mit hellenistischer Philosophie verband, in der Vernunftlehre das Wort des bisher nur für Beschnittene geltenden traditionellen Gesetzes verstand, hat sich im gebildeten Judentum vollzogen. Das als denkerischer Glaube gilt und wo die frühe Naturwissenschaft und im allegorisch-bildhaften Verstand der Traditionslehren/-geschichten Geisteswissenschaft, Seelenkunde, damit auch frühe Psychologie betrieben wurde. Dort, wo die Briefliteratur entstand und dann weitbearbeitet wurde, war der Paradigmenwandel im philosophischen, nicht mehr vom Gesetz, sondern von Vernunft ausgehenden philosophischen Judentum federführend.

Vom „falschen Paulus“ oder einer „Fälschung“ zu sprechen, nur weil kein jetzt römischer Jude mit Namen Paulus, sondern hellenistische, damit römisch-griechisch gebildeten Juden frühchristlicher Erkenntnisbewegungen (ob Marcioniten oder vorherige ist egal) die Verfasser der Paulusliteratur waren, greift zu kurz. So wenig wie die den in Ägypten im kosmischen Ganzen begründeten Kult in persischer Philosophie eines kreativen Weltgeist als „gut Denken, gut Reden, gut Handeln“ (Zarathustra) weiterdachten, so als Schöpfung in Schrift fassende Hebräer im Namen Moses den prophetischen Verstand/Wort auf traditionelle Weise bebilderten, Betrüger waren, kann dies den Paulus-Verfassern im hellenistisch aufgeklärten Judentum unterstellt werden.

Aber noch weit mehr ist es ein Boxen mit Schattenbildern, einem hellenistischen Pharisäer, der sich nach geheimnisvollen Wandel römisch jetzt Paulus nannte, noch nicht mal für die Lehre der verfolgten Sekte interessierte, sondern seiner privaten Vision folgte, die Erfindung des Christentums in die Schuhe schieben zu wollen. Das Christentum ist aus dem hellenistisch-philosophischen Judentum und dessen Wandel im Verständnis hervorgegangen. Hier sind in einem neuen theologischen, von Vernunft (Logos) ausgehenden Paradigma die Paulustexte entstanden. Und der historische Jesus, d.h. die in Funktion Josua gesehene weltgültige Vernunftlehre war hier als das den Propheten gegeben Wort, jüdische Weisheit höchst lebendig. Auch wenn die Paulusliteraten ihr Licht unter den Schatten stellten, vom Herrn sprachen, den sie nicht persönlich kannten. Dass die von den Kritikern als Paulus-Verfasser gesehenen Urchristen, wie alle hellenistische Juden von den Logos genannten Vernunftlehren antiker Aufklärung ausgingen, die als Josua galt, darin das neue Gesetz sahen, dürfte unbestritten sein.

1.       Paulus der Gründer/Grund des Christentums

Wenn Gerd Lüdemann Paulus und damit das hellenistische Judentum als Gründer des Christentums nachweisen will, dann ist ihm zuzustimmen. Doch solange er nur nach einem geheimnisvoll gewandelten Sektenverfolger fragt, wundern seine Kurz-schlüsse nicht. Wenn der Gnosiskenner die frühchristliche Erkenntnis oder den geschichtlich bekannten Geisteswandel nicht in geheimnisvollen Halluzinationen, Visionen eines Pharisäers, sondern dem philosophischen Verstand des Prophetenwortes in hellenistischen Judentum geltenden Vernunftlehren der Zeit bedenken würde. Dann bräuchte er weder die logischerweise absurde Auferstehung eines Heilspredigers abzustreiten, weswegen er aus dem Hochschuldienst ausgeschlossen wurde,  es jedoch inzwischen dort Lehre ist. Noch würde er zu den im Vorwort seine Buches über Paulus als Gründer des Christentum beschriebenen Kurz-Schlüssen kommen, wie sie heutiges Denken bestimmen:

a)      Paulus hat die griechische Aufklärung verteufelt, weil er ihr nicht gewachsen war und er hat die Vernunft durch blinden Glauben ersetzt  - gewiss keine gute Voraussetzung für die Erkenntnis der Wahrheit.

Getreu dessen, was er lernte und bis heute gelehrt wird, damit von zwei jungen jüdischen Männern mit Namen Jesus und Saulus als dessen Sektenverfolger ausgehend, muss der Wissenschaftler zu diesem Kurz-schlüss kommen, den er aufgrund der weltgeschichtlichen  Bedeutung des Paulus als Gründer des Christentums und dessen Wahrheitsanspruch mitteilen will.

Statt zu bedenken, wie im hellenistischen Diasporaudentum nachvollziehbar, das neue jüdische Paradigma aus griechischer Aufklärung erwachsen ist, diese weiterdachte und kulturbedeutend macht, wird „nicht gewachsen“.

Aus dem Vernunft- Grund des erneuerten, jetzt weltgültigen Wort-Verstandes (vernünftiges Bedenken menschlicher Bestimmung und rechten Verhaltens im schöpferischen Ganzen), was nicht nur bei den nach Marcion genannten Frühchristen, die erste Paulusliteratur herausgaben, kein Für-Wahr-Halten von vorgesetzten Gottesbildern oder taub und blind zum Selbstzweck gewordener jüdischer Gesetzlichkeit/Thoraglaube für Beschnittene mehr war, wird „Blindheit“.

Das neue Paradigma wird zurückgenommen. Während sich der frühe christliche Glaube und seine Mission bei frühen Christen als die philosophische Erkenntnis des schöpferischen Sinnes und damit menschlicher Bestimmung im nun in Vernunft erklärten Weltganzen erklären lässt, was alle traditionellen Verhaltens- und Glaubenslehren überstieg, wird „Glaube“ an meine Visionen, Halluzinationen.

Wo die Vorstellung von einem jungen Heilsprediger mit Namen Jesus, wie er heute als historisch gilt und seinem Verfolger, der die Menschen dann mehr oder weniger zu seiner eigenen Vision überredete, den Kopf bestimmt, da ist alles Wissen vergebens. Da hilft es nichts zu wissen, wie das Christentum keine Ablehnung griechischer Philosophie, sondern die Synthese von Juden und Griechen in theologisch-philosophischer, wie kultischer Hinsicht war. Wie damit aus dem Weiterdenken im neuen Paradigma das Weltjudentum hervorging, bei dem die Vernunft in Person (menschlicher Aufgabe/Rolle/Ausdrucksweise) der wahre Christus, Josua/Jesus war, liegt zwar historisch auf der Hand. Aber was soll das mit dem heilspredigenden Handwerksburschen aus Galiläa zu tun haben, der weder lesen noch schreiben konnte und das doch gar nicht war und wollte, was die hellenistischen Literaten – oder wie bei Lüdemann sein Verfolger mit eigenen Vision – aus ihm machten?

Auch wenn Geschichtswissenschaftler klar machen, wie die frühe christliche Mission von philosophischer Erkenntnis ausging. Wie jüdisch-griechische Denker den Sinn ihres Seins, die kreative menschliche Bestimmung denkend im großen schöpferischen Ganzen erkannten (heute sprechen wir von der Ökologie des Menschen) und die nichts anderes mehr taten, als Tag und Nachts davon zu berichten. Wo ein junger Mann und sein Sektenverfolger gesetzt sind, kann noch so viel darüber geschrieben werden, wie Paulus den Glaube an das Gesetz, damit traditionelle, versteinerte, oft zum Selbstzweck gewordene Vorstellungen und Gottesbilder auflöste, die der Vernunft entgegenstanden. Genau das wird dann unterstellt.  

b)      Der Autoritätsanspruch des Paulus leitet sich aus der Vision eines Menschen her, den er persönlich nicht gekannt hat und für dessen Leben und Wollen er sich auch wenig interessiert zu haben scheint. Er ist an dieser Stelle einer Selbsttäuschung erlegen, die weitreichende Folgen hatte.

Nachdem der historische Jesus in den Einführungsvorlesungen über den historischen Jesus als ein junger Mann vorgestellt wird, der das nicht war und wollte, was nach seinem Tod in Gemeindebildung (Auferstehung) aus ihm gemacht wurde, hätte Lüdemann den Wald schonen, sich das Schreiben sparen können. Auch wenn er dem Sektenverfolger unterstellt, sich noch nicht mal für den jungen Mann und dessen Lehren, sondern nur seine eigene Vision interessiert, die zum christlichen Glauben gemacht zu haben.

Wo Vernunft früher Natur- und Geisteswissenschaft den Ton angab, die bei hellenistischen Juden die Funktion als lebendiges, nun weltgültiges Wort/menschliche Bestimmung die Funktion Josua/Jesus hatte, wird von der „Vision eines Menschen“ gesprochen. Kein Wunder, für die hätten sich die jüdischen, von Vernunft ausgehenden Erkenntnislehrer, deren neuem prophetischen Paradigma wir die Paulusliteratur verdanken, wirklich in keiner Weise interessiert. Dass diese aber in der Vernunftlehre jetzt die eigentliche Wahrheit sahen, hierauf die Hoffnung „Josua“ auf einen neuen Exodus und nicht nur Beschnittenen offenen Bund in Folge Moses sahen, ist bekannt. Wer aber in seiner Studienzeit Paulus als die historische Person eines geheimnisvoll Pharisäers vor Augen hat und bei Bildungsreisen den Spuren der Missionsreisen eines schnellsegelnden Wendepharisäers folgte, für den schließt es sich aus, den längst erforschten Geisteswandel, den verschiedene Erkenntnislehrer und ihrer Mission rund um das Mittelmeer, die die theologische Literatur unter dem Namen Paulus zum Ausdruck brachten, zu erforschen. Dem in der Einleitung zu seinem Jesusbuch verwendeten Zitat Lüdemanns ist zuzustimmen: „Das was jetzt seit 50 Jahren durch die historische Auffassung geleistet ist, hat zu einer Revolution geführt, die viel größer ist als die Reformation Luthers!“. Doch die Reform, die das schöpferische Wort wieder dort verstehen lässt, wo es im neuen jüdischen Paradigma über die traditionellen schriftlichen Lehren alter Gesetze hinausging, die steht noch aus.

Doch alles, was Lüdemann über die Lehre Paulus berichtet, lässt sich bei etwas Überlegung nicht in den Visionen eines Sektenverfolgers erklären, sondern ist Ergebnis eines neuen jüdischen Paradigmas, wie wir es im philosophisch-hellenistischen Judentum (z.B. im Namen Philo von Alexandrien) beobachten können und zur christlichen Kirche wurde. Dass sich die verschiedenen Schulen dabei gegenseitig kritisierten, diskutierten, das von Vernunft ausgehende Wort-Verständnis vom traditionellen Judentum verworfen wurde, all dies ist geschichtlicher Fakt. Nur hat all das nichts mit Lüdemanns Sektenverfolger zu tun, der seine eigenen Visionen zum Christentum machte.

So ist auch die Diskussion um die Echtheit der Paulusbriefe in neuer Weise zu führen. Während bisher geprüft wurde, ob diese zeitlich in die Vorstellung eines vielschreibenden Missionsreisenden passen, der nach Lüdemann seinen eigenen Herrn zum Helden machte oder ins literarische Raster passen, wäre zu fragen, ob hier eine Theologie des neuen, von kreativer Vernunft als Gesetzgebung ausgehendem Paradigma zum Ausdruck gebracht wird. Nicht allein die heutige notwendige Unterstellung, dass in mehr oder weniger im Namen Paulus verfassten Briefen Pseudographen am Werke waren, muss überdacht werden. Selbst der fingierte Dialog, der kaum von Seneca selbst, sondern in dessen Sinne mit Paulus geführt wurde, kann so als echt gesehen werden.

2.       Leben und Missonswirken Paulus

Der nach Lukas genannte Verfasser der Apostelgeschichte hat sich mit Sicherheit nicht einfach eine Story aus den Fingern gesaugt. Schon als vor vielen Jahren Oberkirchrat Dr. Klaus Blümlein in Speyer die Landkarte ausrollte, mit dem Zeigestock auf die Schnittstelle zwischen Orient und Okzident deutete war klar: Der Zeltmacher (das im ewigen Wandel befindliche Sinnverständnis) ist wirklich in Tarsus geboren. Dass hier bekannte stoische Schulen waren, dürfte dies untermauern. Denn im mittelplatonischen Judentum, das den Thora-Bund in Vernunft begründete, weltgültig machte, so  die Vernunft in Folge Moses als Josua und damit Christus bedachte, wie wir es von Philo von Alexandrien kennen, war nachweislich die Stoa maßgebend.

Es würde hier zu weit führen, ist Aufgabe der theologischen Gelehrten. Doch alles, was Lukas über die Geschichte und Mission Paulus sagt, auch die Briefliteratur über das Leben und Wirken zum Ausdruck bringt, wird dort beschrieben, wo heute beispielsweise in Philo von Alexandrien das philosophische Judentum und die daraus erwachsenen „urchristlichen“ Erkenntnisbewegungen dargelegt werden. So greift es auch viel zu kurz, einem visionären Wendepharisäer nur unterstellen zu wollen, die Stoa abgeschrieben, aufgrund einer Halluzination nach einem Pferdesturz vor Damaskus den Platonismus ins Judentum eingeführt zu haben. Es gibt auch nicht eine theologische Aussage in der Paulusliteratur, die sich nicht im philosophischen Judentum, das im Platonismus eine Erneuerung der Propheten sah und der darauf folgenden Diskussion nachvollziehen ließe.  

Wie kann man das geschichtliche Wissen um die denkerische Öffnung des Judentums für Griechen, wie sie sich im hellenistischen Judentum aufgrund des neuen Verstanden nachvollziehen lässt, völlig außen vor lassen und eine Missionierung von Griechen aufgrund der persönlichen Vision eines Wendepharisäers unterstellen wollen? Wie stellen wir uns da überhaupt vor: Da ist ein Visionär mit Schnellboot und Laufschritt durch die Lande gezogen und hat durch seine Reden die von philosophischen Vernunftlehren ausgehenden Griechen und Römer dazu gebracht, nicht weiter den alten Göttern und dem Kaiser zu opfern, sondern seine Halluzination als Herrn, damit wahre Vernunft und schöpferische Bestimmung (lebendiges Wort) zu glauben? Gehts noch???

Es muss doch im Kopf richtig weh tun, aus der Apostelgeschichte nach Lukas die Chronologie der Lebensstory eines jetzt römischen Pharisäers beschreiben zu wollen, dessen persönliche Vision durch Neuplatoniker zur christlichen Kirche wurde. Oder vorher bei den die kosmische Ordnung repräsentierenden Kaisern philosophischer Bildung (denen wie den Kirchenvätern die Vernunft heilig war) den christologisch-intellektuellen Diskussionsstoff für Jahrhunderte lieferte oder zu unzähligen urchristlichen Erkenntnis-Bewegungen über die menschliche Vernunftbestimmung rund um das Mittelmeer führte. Was dann in mühsamer Arbeit, unzähligen Debatten auf eine trinitarische Formel gebracht wurde, damit Fundament der Kirche des römisch-westlichen Christentums war.

Dass Paulus Juden war, braucht man nicht in der Briefliteratur oder Apostelgeschichte nachzublättern. Das ergibt sich aus der theologischen Lehre, die dem philosophischen Judentum  entspringt und sich so ein sich Römern eröffnendes Prophetentum (bildloser Kult vom kreativ Sinn machenden, Wesentlichen: JHWH) war.

Nur um ein ganz kleines Beispiel zu nennen: Wie kann man paulinische Hymen über die Wahrheit bei Esra (dem auch in persischer Philosophie erwachsenen Prophentum) nachblättern oder verwandten Konzepten über die Gerechtigkeit und Weisheit (in Ägypten in Maat, die dann in Vernunft erklärte kosmische Ordnung war) und dann weiter von Visionen eines Sektenverfolgers schwätzen. Die Vielzahl von Paulus-Parallelen zur hebräischen, damit in Schöpfung begründeten Vorstellungen, wie sie im philosophischen Judentum nun in Vernunft lebendig waren, ebenso wie die Bezugnahme zur Stoa und sonstigem Platonismus zeigen doch ganz eindeutig, wer Paulus war. Oder trifft es nicht zu, dass im philosophischen Judentum all dies bedacht und auf einen neuen Nenner gebracht wurde, bei dem die Vernunft der wahre Sohn und Christus war, als Josua, lat. Jesus gesehen wurde?

Dass Paulus zwar Jude, aber auch Grieche und Römer war, steht so außer Frage. Ebenso, wie sich das Scheitern in Athen oder Jerusalem völlig unmöglich in den Christus-Vision eines sektenverfolgenden Pharisäers nach einer Halluzination begründen lässt. Auf den hätte damals dort niemand gehört. Wie aber der Wort/Vernunft Verstand des hellenistischen Judentums, das dann vom Sohn, aber auch von Josua sprach, bei den trotzt abstrakt bleibender Lehren ihren Götterbildern treuen Philosophen, wie traditionellen Juden scheiterte, ist bekannt.

Wer daher die geistigen Wurzeln der Paulus in hellenistischen Bewegungen begründet, der macht klar, warum die einem neuen, nun auch für Griechen geltenden, die Welt-Mission begründenden Paradigma ausgehende theologische Literatur wahrhaft christlich war.

Die Überwindung tauber Gesetzlichkeit für Beschnittene in Neubegründung des Wort-Verstandes, für den traditionell die Thora stand, löste die Weltmission aus. Die Erkenntnis einer in Vernunft begründeten menschlichen Bestimmung im kreativen Ganzen war der urchristliche Glaube, von dem die im hellenistischen Judentum erwachsenen Urchristen in ihren verschiedenen Bewegungen/Schulen Tag und Nach redeten. Die Halluzinationen eines sektenverfolgenden Pharisäers als Überredungskünstler von Römern und Griechen, die dann dem Kaiser den Kult verweigerten, so als staatsgefährdende Atheisten als „Christen“ bezeichnet oder verfolgt wurden, kommen dafür völlig unmöglich in Frage. Wie weit muss man in den Glaubensvorstellungen gefallen sein, um gar Christen, die lieber in den Tod gingen, als die Vernunft zu verleugnen, die Verfallenheit gegenüber einem von seinem Herren als Maß aller Dinge schwätzenden Visionär mit Namen Paulus unterstellen zu wollen?

3.       Paulus: Das Paradigma hellenistischen Judentums

Einem Sektenverfolger unterstellen zu wollen, jetzt seine hellenistische Glaubensvision in Überredung zur Weltreligion gemacht zu haben, spricht gegen alles Wissen, das wir über die Entstehung des Christentums aus vielfältigen und sich anfänglich bekämpfenden Bewegungen haben. Auch wo nicht Simon Magnus oder Valentianer bereits als Verfasser der Paulusliteratur angenommen werden. Heute ist klar, wie die neupaltonischen Kirchenväter die Thora nicht ablehnten, sondern als erfüllt sahen. Und wie die von den kirchlichen Vordenkern wegen ihrer Verwerfung der jüdischen Tradition als „falsche“ Erkenntnislehre angesehen Markionisten, die im Christus keinen Zweibeiner als menschliches Wesen sehen wollten, die ersten Herausgeber von theologischer Kultliteratur im Namen Paulus waren. Hat also der Verfolger der Sekte eines jungen Mannes, den es nach den heute als Frühchristen anerkannten Markioniten so nicht gab und nicht die Thora, sondern nur den Logos gelten ließen, diese zum Glauben an die Auferstehung eines nicht gewesen Zweibeiners oder zum blinden Glauben an die Vision seines eigenen „Herren“ überredet? Einer Vision, die dann auch mit hellenistischer Vernunft nichts am Hut hatte. Und was ist mit anderen als frühchristlich anzusehenden Erkenntnisbewegungen? Sind gar die Manichäisten, deren sich auf Jesus Christus berufende staatstragende Weltkirche bis nach China reichte und die in einem dualistischen Weltbild auch den Buddhismus oder indische Vorstellungen mit dem Judentum vereinten, in ein frühes philosophisches Christentum denkerisch einbauten, der Überredung eines Sektenverfolges auf den Leim gegangen? Auch wer ein Buch über die christlichen Anfänge, die vielfältigen Bewegungen, Bischoftümer in Nordafrika, die zahllosen sich bekämpfenden Strömungen anschaut dem wird, klar, dass die christliche Mission in neuer Weise zu denken ist, nichts mit der Überredungskunst eins Schnellsegelnden Wendepharisäers zu tun hat, der gar nur seine eigene Vision in die Welt setzte.

Man braucht nicht die historische Kritik, die wie bereits Bruno Bauer oder heute Hermann Dettering meist an einzelnen Texten deutlich machen, dass es einen Mann Namens Paulus nicht gab, die theologischen Brieftexte so nicht sein können, wie bisher gedacht, sondern aus dem hellenistischen Judentum hervorgingen. 

Wer wissen will, wer Paulus war, der muss, selbst im Sinne des vom eingenvisionären Weltmissionar ausgehenden Lüdemann, das Wissen um die Denker auswerten, die heute als hellenistisch-philosophische Juden oder Erkenntnislehrer gelten. Doch bevor dann die Verfasser der Paulusliteratur wegen ihrer Ausdrucksweise im Erbe der verschiedenen Mütter als Anhänger von griechisch-jüdischen Mysterienreligionen abqualifiziert werden, sollte man sich mit dem Hellenismus auseinandersetzen. War der Platonismus der Kirchenväter, die Philosophie der Griechen in ihren zahlreichen Vernunftmodellen des Weltgefüges oder Werdens und menschlichen Lebens in Staatsform, die Stoa, die bekanntlich hellenistischen Juden des Mittelplatonismus maßgebend war, von denen wir die Texte des Neuen Testamentes in Händen halten, nur ein neues Mysterium?   

Dass hellenistische Juden ihren Glauben auf Vernunft gründeten, damit die menschliche Bestimmung, die „christliche“ Erkenntnis eines menschlichen Sinnes im kreativen Ganzen war, wie wir es heute nur auf etwas wissenschaftlichere als antike Aufklärung beschreiben, von humanistischer Ökologie reden. Und dass dies mitzuteilen dann die eigentlich „christliche“ Mission war. Das alles liegt auf dem Tisch historischer Tatsachen. Die christliche Mission ging eindeutig von einer neuen Erkenntnis dessen aus, was bereits den Propheten galt, maßgebendes Wort, Bestimmung war. Und das hieß bei hellenistischen Juden nicht nur Vernunftlehre, die geisteswissenschaftlich in Naturwissenschaft begründet war, sondern war es auch.

Es wäre zwar lehrreich, ist jedoch mühsam und würde hier zu weit führen (bleibt Aufgabe theologischer Gelehrsamkeit), einzelne Stellen der Paulus-Texte auszuwerten. Doch wer Einheit zwischen Mann und Frau, Juden und Griechen, Sklaven und ihren Herren bedachte, das war nicht die Vision eines ehemaligen Pharisäers. Das war das philosophische Judentum, das hellenistische Aufklärung nicht weiter bekämpfte, wie die rabbinische Tradition in ihren Gesetzes- oder Geheimlehren, sondern diese auf allegorische Weise als Weiterführung, Erneuerung der Propheten in zeitgemäßer Vernunft (Logos als Christus: Josua/Jesus) bedachte.

Wer seine Berufung in Parallele zu den alttestamentlichen Propheten Jesaja und Jeremia sah, wie Lüdemann als Ergebnis schreibt, sicher allgemein theologisch anerkannt wird, das war kein durch Halluzination gewandelter Verfolger der Sekte eines Handwerksburschen, der dann gar nur seine christliche Vision in die Welt setzte. Die Vision eines neuen in Vernunft als Christus Josua/Jesus begründeten Jerusalem, eines weltgültigen Verstandes als Mission ging vom hellenistischen Judentum aus, wie wir es am besten dort nachlesen können, wo Philo von Alexandrien als denkerischer Glauben (auch wenn dabei noch die Biografie eine Einzeldenkers bedacht) wird.

Den heute als historisch gelehrten Jesus, den könnte man ernsthaft bedacht, selbst bei einer noch so großen Halluzination nicht mal einem jüdischen Pharisäer unterstellen. Da müsste man schon von einem größeren Hirnschaden reden. Nach dem dann ein hellenistisch gebildeter Jude, wie er sich in der Literatur zeigt, Platonismus und die Stoa weiterdenkt, dann von einem auferstandenen Handwerksburschen faselte. In diesem Sinne hat Lüdemann sicher Recht. Um den jungen heilspredigenden Mann aus Galiläa, dessen Sekt er verfolgt haben soll, ist es Paulus nicht gegangen. Doch Paulus hat Jesus verkündet, wie er leibt und lebte. Nur war das nicht der der heilspredigende Handwerksbursche aus Galiläa, der alles nicht war, wollte, was die hellenistischen Verfasser der Evangelien oder der Paulusbriefe über ihn sagten.

Das Verhältnis das Paulus zum Gesetz der Juden hatte, war das des hellenistisch aufgeklärten Judentums in seinen verschiedenen Schulbewegungen. Mit einer Gesetzlichkeit, die wie wir aus der Geschichte, aber auch aus den Evangelien, in den Sonntagsbeispielen wissen, zum Selbstzweck verkommen und nur für Beschnittene im tauben Glauben galt, war kein Staat von Morgen zu machen. In diesem Sinn griff jedoch allein die abstrakte Vernunftpredigt von Cicero und Seneca zu kurz, bei denen die Liebe, Bedeutung gar weiter den Göttern galt. Auch mit in Vernunft begründeten Gesetzen ist allein kein Staat zu machen, das zeigte bereits die Geschichte der Zeitendwende, nicht allein in Nero oder selbst Mark Aurel als antikem Obama. Doch dass eigener Verstand in einer intrinsische Motivation, nicht nur keine Angst/Belastung oder negativen Stress, sondern selbst gesundheitsfördernd ist, Lust erzeugend ist und zur wahrhaft vernünftigen Lebensweise führt, wissen wir. Auch wenn heute genau die (gottverlassen) nun nach mehr staatlichen Gesetzen, Regularien, damit Bürokratie rufen, denen sie sie als moderne Kyniker 68 den blanken Arsch hinstreckten.

Die hellenistischen Juden, die als Mittelplatoniker auch Epikurs Kynik beherrschten,  haben sich als Christen nicht von ihren Mutterreligionen oder gar dem, was den Vätern als Sinngrund des Ganzen galt, aber unsagbarer Vater, Herr (Vernunftgrund) des Alles war, verabschiedet. Sie haben die Philosophiemodelle von ägyptischer Maat oder prophetischen Verstand in neuer Begründung durch griechische Vernunftlehren als Theologie ebenso weitergeführt, wie sie das Erbe der ägyptischen, griechisch-hellenistischen und hebräischen Vorbilder im Neuen Testament auf kultur-kreative Weise erfüllt zeigten, so Vernunft mit Leben erfüllten, was bis zur Aufklärung getragen, diese im kreativen/schöpferischen Dialekt bewirkt hat. Paulus war nicht der Gründer des Christentum: Das neue jüdische Paradigma hellenistischer Aufklärung hat das Judentum in Vernunft neu begründet, so den jüdischen Kult/bildlos-prophetischen Wortverstand wie er heute noch moderne Mission wäre, als wahren Christus im Namen Josua/Jesus weltgültig gemacht.

Mit Paulus gar unterstellten Antisemitismus hat alles nichts zu tun. Allenfalls war die Ablehnung veralteter traditionelle Glaubensvorstellungen, die sich allein in tauben Gesetzen für Beschnittene begründen, so der eigenen Auferstehung verweigerten. Gesetze sind notwendig. Doch allein mit Gesetzen, denen der Geist fehlt, lässt sich kein Staat machen. Auch die moderne Vernunft/Logoslehre oder Ökologie des Menschen lässt sich nicht allen in Gesetzen verordnen. Auch allein zu wissen, dass nicht es nicht nur bei Johannes, sondern in den gesamten christlichen Lehren und Texten des Neuen Testamentes um eine „Weltvernunft“ (Logos/Wort) ging, die nicht in Glaubensgesetzlichkeit der Tradition, in persönlicher Spiritualität, sondern auf gleiche Weise denkerisch/philosophisch begründet war, wie dies heute diskutiert wird, ist zu wenig. Ohne dass die Weltvernunft von mündigen Bürgern gefeiert, in aufgeklärter kultureller Erinnerung als Rel-ligion (bei Juden und Christen im Namen Josua/Jesus) emotional geliebt und dabei so bedeutend wird, wie der heute im säkularen Wesen verherrlichte kurzsichtige Konsum, egoistisches Kapital oder zum Selbstzweck gewordenes Freizeitvernüngen

Es wird höchste Zeit aufzuwachen, den Grund des Christentums und seiner Mission in der Vernunft zu bedenken, die heute  auf Weltkonferenzen bedacht, intellektuell grün, rot oder auf sonstige Weise in unaufgeklärter Weise vergeblich gepredigt. Die auch von den Päpsten als Rechtsgrund (Benedikt XVI. vor dem Bundestag, der bei der Ökologielehre/Logos vom christlichen Wesen und jüdischer Weisheit im Weiterdenken der Philosophie spricht) ausgelegt ebenso in Lebenspraxis als Ökologie des Menschen (Franziskus in neuer Umwelt-Enzyklika) gefordert wird.